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03.12.13 10:14 Alter: 4 yrs

Zukunftsmarkt Senioren - Herausforderungen für Verkehrsunternehmen

 

Etwa 20 Prozent aller Nürnbergerinnen und Nürnberger sind älter als 65 Jahre. Aufgrund des demographischen Wandels wird ihr Anteil weiter wachsen.

Quelle: VAG

Wie gut Verkehrsunternehmen auf den Zukunftsmarkt Senioren vorbereitet sind, diskutierten Verkehrsexperten auf Einladung der PB-Consult, einer 50-prozentigen Tochtergesellschaft der VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft, in Nürnberg. Dabei wurde deutlich: Senioren sind keine einheitliche Zielgruppe, sondern haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse.

„Unser Ziel ist es, Mobilität für alle zu ermöglichen“, machte VAG-Vorstand Tim Dahlmann-Resing die Position der VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg deutlich. Dass die Voraussetzungen dafür in Nürnberg sehr gut sind, bestätigten die internationalen Teilnehmer des Symposiums zum Thema „Mit Kundennähe erfolgreich in die Zukunft“. Mit vollständig barrierefreien U-Bahn-Anlagen nahm die VAG von Anfang an bundesweit eine Vorreiterrolle ein. Auch die Spaltüberbrückung an den neuesten U-Bahnen ist ein Novum in Deutschland und wird auch bei weiteren Fahrzeugbeschaffungen konsequent umgesetzt. Straßenbahnen und Busse der VAG sind alle niederflurig und bieten größtmöglichen Komfort beim Ein- und Aussteigen. Der barrierefreie Ausbau der Haltestellen an der Oberfläche wird in den nächsten Jahren weitergeführt. Das ist wichtig, denn die meisten Unfälle mit älteren Menschen passieren nach Erfahrung der Verkehrsexperten beim Ein- und Aussteigen.

Und schließlich kommt die Barrierefreiheit allen Fahrgästen zu Gute: vom Geschäftsreisenden mit schwerem Gepäck über die Mutter mit Kinderwagen bis zum Rollstuhlfahrer. Doch bei dem Ziel, ältere Fahrgäste als Kunden zu halten oder neu zu gewinnen, gehe es nicht nur um „harte“ Fakten, machte Angelika Gasteiner deutlich, die seit 2004 bei den Verkehrsbetrieben der Stadt Salzburg für das Seniorenmarketing verantwortlich ist: „Es geht um Gefühle, in erster Linie um Angst. Viele ältere Menschen haben Angst, Busse und Bahnen zu nutzen.“ Dabei sei gerade die Mobilität für Senioren ein wichtiger Aspekt, um weiterhin am Leben teilhaben zu können. In Salzburg hat Gasteiner deshalb Schulungen für Fahrer entwickelt, um diese für den Umgang mit älteren Fahrgästen zu sensibilisieren. „Ältere brauchen mehr Zeit, Geduld, Verständnis und Rücksichtnahme. Und persönliche Ansprache“, so Angelika Gasteiner. Ergänzend bietet sie spezielle Trainingseinheiten für Senioren an. Sie gibt Tipps, wie man sich im Bus bewegt, wie man sicher ein- und aussteigt und wie man jüngere Fahrgäste bittet, einen Sitzplatz freizumachen. Der spürbare Erfolg: weniger Unfälle mit Senioren. Begleitend zu diesen Maßnahmen hat sie spezielles Info-Material für Senioren entwickelt, steht mit einem Info- Stand regelmäßig auf dem Wochenmarkt und nutzt das Radio für Mobilitätstipps. „Senioren lieben gedruckte Fahrpläne, die persönliche Ansprache im Kundencenter und das Telefon“, so Angelika Gasteiner.

Viele dieser Maßnahmen setzt die VAG in Nürnberg auch um. „In unserem Fahrgastbeirat sind Senioren vertreten, wir gehen zu Seniorenverbänden, zum Stadtseniorenrat, beteiligen uns an der Messe inviva und bieten Sicherheitstrainings für ältere Menschen an“, zählte VAG-Vorstand Tim Dahlmann-Resing beispielhaft einige Aktionen auf. Etliche Maßnahmen für alle Fahrgäste haben „ganz nebenbei“ einen besonderen Nutzen für die ältere Generation, wie zum Beispiel die Vorleseeinrichtungen bei Fahrgastinformationsanzeigern. „Senioren wollen in keine Ecke gedrängt werden“, betonte VGN-Geschäftsführer Jürgen Haasler. „Deshalb holen wir die Senioren in der Ansprache beim konkreten Mobilitätsanlass ab.“ Auch habe man sich beim Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) bewusst gegen ein Seniorenticket entschieden, obwohl viele Verkehrsverbünde solche Tarife anbieten. „Das heißt aber nicht, dass wir kein Angebot für diese Zielgruppe haben“, hob Haasler hervor. So sei beispielsweise die 9-Uhr-MobiCard bei Senioren besonders beliebt. Auch die persönliche Ansprache komme nicht zu kurz. „Wir sind mit unserem Info-Mobil im gesamten Verbundgebiet regelmäßig vor Ort.“ Einzigartig sei das umfangreiche Freizeitangebot des VGN mit über 200 Tipps für Wanderungen und Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung. Da der VGN als zweitgrößter Verkehrsverbund Deutschlands über weite Teile sehr ländlich geprägt sei, müsse man sich aber auch Gedanken über die Bedienungsformen machen. „Wir brauchen in der Fläche flexible und bedarfsgerechte Strukturen“, forderte Haasler.

Bedarfsorientierte Systeme sind nicht nur in der Region Nürnberg, sondern bundesweit ein Thema, wie Dr.-Ing. Till Ackermann vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) bestätigte. Ebenso wie die Multimodalität, also die Nutzung verschiedener Verkehrsmittel je nach Bedarf. „Die Gruppe der Multimodalen wächst noch schneller als die der Senioren“, so Ackermann. „Wir müssen den Kunden die komplette Mobilitätskette bieten – von Tür zu Tür. Leihfahrräder oder das Taxi können auch zu dieser Kette gehören.“

Denn gerade Senioren würden großen Wert auf Komfort legen. Da sie zunehmend motorisiert sind, haben sie die Wahl zwischen den Verkehrsmitteln. Laut Befragungen ist die Sorge, keinen Sitzplatz zu bekommen einer der Hauptgründe, weshalb Senioren vor der Fahrt mit Bussen und Bahnen zurückschrecken, berichtete Dr.-Ing. Annette Albers vom Verband Region Stuttgart (VRS). Auch vor dem Umsteigen und vor dem Ticketkauf am Fahrkartenautomaten hätten viele ältere Menschen Hemmungen. „Da bereits heute über 500.000 Einwohner der 2,7 Millionen Einwohner zählenden Region Stuttgart älter als 65 sind, können wir es uns nicht leisten, an dieser Kundengruppe vorbeizugehen“, machte Albers deutlich.

Aber gerade weil Senioren so unterschiedliche Bedürfnisse haben, steht die Verkehrsbranche vor einer großen Herausforderung. Zum Beispiel innerhalb der Fahrzeuge: Einerseits wünschen sich gerade ältere Menschen einen Sitzplatz, andererseits benötigen Rollatoren, Rollstühle oder Kinderwagen großzügige Freiflächen. Oder beim Fahrgastwechsel: Senioren brauchen mehr Zeit zum Ein- und Aussteigen. Moderne Fahrzeuge sind zwar durchaus in der Lage, den dadurch verursachten Zeitverlust durch eine schnellere Beschleunigung wieder wettzumachen. Doch auch hier gilt es, Fingerspitzengefühl zu beweisen. „Die automatische U-Bahn beschleunigt sanft und gleichmäßig, um den Fahrgästen einen besseren Komfort zu bieten“, berichtete Tim Dahlmann-Resing aus der Praxis.